Historisches zur münchener secession
von Helmut Kästl


Aus Protest gegen die eingeengte und konservative Kunstauffassung in der Münchener Künstlergenossenschaft traten 96 Mitglieder aus dieser führenden Künstlervereinigung aus und gründeten am 4. April 1892 den "Verein bildender Künstler Münchens e.V.", der sich nach wenigen Monaten zusätzlich die Bezeichnung "Secession" wählte, so dass der endgültige und vollständige Name "Verein bildender Künstler Münchens Secession e.V." lautet. Mit der Kurzform "Secession" wurde der Verein bald populär. Unter den Gründungsmitgliedem finden sich die Namen wie Fritz v. Uhde, Bruno Piglhein, Franz v. Stuck, Lovis Corinth, Peter Hahn, Hugo v. Habermann, Peter Behrens, Adolph Hölzl, Max Liebermann, Hans Olde, Leo Samberger, Tony Stadler. Diese Freiheitsbewegung in der Münchener Kunstszene geschah unter reger Anteilnahme der Bevölkerung, die ersten Seiten der großen Tageszeitungen brachten darüber ihre Berichte.

Zunächst war es schwierig, in München ein passendes Ausstellungsgebäude zu finden. Dagegen bot die Stadt Frankfurt Ausstellungsräume und 500.000 Goldmark an, falls der neu gegründete Verein nach Frankfurt übersiedeln wolle. Eine Ausstellung fand dann 1893 in der Kunsthalle am Lehrter Bahnhof in Berlin statt. Presse: "Hier sieht man die frische, lebensfähige und moderne Kunst - das ist Schlaraffia" ... "man darf hoffen, dass die Berliner Kunstzustände eine radikale Besserung erfahren" ... Die Münchener Secessionisten sind ein großer Gewinn für Berlin".

Mit großer Unterstützung durch den Verleger Georg Hirth und anderer bedeutender Persönlichkeiten als Förderer konnte bereits am 16. 7. 1893 in München im eigens dafür errichteten Ausstellungsgebäude an der Prinzregentenstraße/Ecke Pilotystraße die 1. internationale Kunstausstellung der Secession eröffnet werden.



Ausstellungshaus Prinzregenten- / Pilotystraße

Die 1892 gegründete Münchener Secession veranstaltete 1893 im eigens dafür errichteten Gebäude an der Prinzregenten-/ Pilotystraße ihre 1.Internationale Kunstausstellung, der hier bis 1912 weitere folgten.
Die Secession hatte damals ihr Ausstellungsgebäude genau an der Stelle, wo heute die Oberste Baubehörde ihr Dienstgebäude hat.








Das Echo war groß. Am ersten Ausstellungssonntag kamen über 4000 Besucher. 297 Künstler stellten über 876 Werke aus. "In wenigen Wochen wurden Hunderte von Bildern herbeigeschafft". Die Schau wurde dem Programm des Vereins"... von Künstlern aller Richtungen" gerecht. "Man soll Kunst sehen, jedes Talent, ob älterer oder neuerer Richtung". Qualität war gefragt. Man schaute wieder nach München. Pablo Picasso spricht 1898 begeistert von dieser Vielfalt und bedauert den Streit der Pariser wegen Stilrichtungen.



Glaspalast 1854-1931

Auch die Ausstellungen der Secession im Glaspalast im Alten Botanischen Garten waren bis zu dem zerstörerischen Brand von 1931 künstlerische und gesellschaftliche Höhepunkte in München
Der glücklich gewählte Name "Secession" (Absonderung, Trennung) wurde bald der Begriff für Befreiung, für Freiheit in der Kunst, einer Kulturrevolution, die Musik, Literatur und Architektur gleichermaßen erfasste. "Der Streit ging um eine neue Kunst, ein neues Schauspiel, eine neue Oper, neue Konzerte in neu gebauten Sälen, um die Verjüngung aller Lehranstalten, um ein neues, frisches Leben..." (Uhde-Bernays). In Europa gründeten sich in kürzester Zeit neue Secessionen wie die Darmstädter Secession und Dresdner Secession, schließlich 1897/98 in Wien und Berlin. Zu dieser Zeit lebten in München mehr bildende Künstler als in den Kaiserstädten Wien und Berlin zusammen. Auch in Amerika und Japan entstanden secessionsähnliche Künstlergruppen. "Die Gründung der Secession brachte die gesamte bildende Kunst Europas und Amerikas in Gärung und wandte sie neuen Zielen zu" (E. Betz).

Als sich Venedig mit der Gründung der Biennale 1895 der internationalen Kunst öffnete, geschah dies nach dem Vorbild der Münchener Secession, die beratend mitwirken konnte

1904 veranstaltete der im Jahr zuvor in Weimar als Dachorganisation aller Secessionen gegründete "Deutsche Künstlerbund" seine erste Ausstellung im Ausstellungsgebäude der Münchener Secession am Königsplatz (heute Antikenmuseum) gemeinsam mit der Münchener Secession.

München, Ausgangspunkt des Secessionismus, festigte seinen internationalen Ruf als Kunstmetropole. Der Boden für die Moderne war bereitet. Bedeutende Künstler wie Matisse besuchten München. Kandinsky und Klee wurden Schüler von Franz v. Stuck. Mackintosh-Glasgow, van der Velde, Bernhard Pankok, Bruno Paul und Richard Riemerschmid zeigten ihre Jugendstilkreationen in den von der Münchener Secession veranstalteten Ausstellungen. Der "Blaue Reiter" gründete sich mit Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Franz Marc. Ab 1906 studierte Giorgio de Chirico in München. 1910 malte Kandinsky das erste abstrakte Bild, ein entscheidender Wendepunkt. Secessionskünstler arbeiteten für die in München herausgegeben spektakulären Zeitschriften "Simplicissimus" und "Jugend". Die Großen der Klassischen Moderne sind bis zum Brand des Glaspalastes 1931 in den Ausstellungen der Münchener Secession vertreten: Picasso, Matisse, Derain, Vlaminck, Utrillo, Carra, Rouault, Dufy, Maillol, Rodin, de Chirico, Pascin, Signac ... In dieser Zeit, 1905, gründete die Secession eine eigene zeitgenössische Kunstsammlung, die heutige "Secessionsgalerie", um unabhängig - aus der Sicht der Künstler - ein Zeitbild zu geben. Die von ihr gesammelten Werke, u.a. von Lovis Corinth, Franz v. Stuck, Hugo v. Habermann, Albert v. Keller, Albert Weisgerber, Hermann Hahn, Leo v. Putz, Fritz v. Uhde, Hans v. Zügel ... bis zu den Gegenwärtigen, werden ausgestellt und für Sonderausstellungen ausgeliehen. Die Sammlung umfasst über 200 Werke der Malerei, Graphik und Plastik.

Das Dritte Reich löste 1938 im Zuge der "Kultursäuberung" die Münchener Secession auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946, fanden sich deren Mitglieder wieder zusammen. So konnte die Münchener Secession eine treibende Kraft werden für die Gründung des "Berufsverbandes Bildender Künstler" und zum Zusammenschluss mit den nach dem Krieg gegründeten Künstlervereinigungen "Neue Gruppe" und "Neue Münchener Künstlergenossenschaft" zur "Ausstellungsleitung Haus der Kunst". Noch bevor es der Politik möglich war, wirkten die Künstler versöhnend über die Grenzen hinweg und zeigten in der"Großen Kunstausstellung" im Verbund mitjungen Talenten die künstlerische Avantgarde, die aus politischen oder rassistischen Gründen im Dritten Reich unterdrückt, verfolgt oder verboten wurde. Welch ein Triumph für die Ausstellungsleitung und die ausstellenden Künstler, als sie 1949 in eben diesem Haus, aus dem sie in der Nazizeit ausgesperrt waren, - obwohl es aus dem für sie gegründeten Fonds für einen Neubau nach dem Brand des Glaspalastes 1931 erbaut wurde - ihre erste Ausstellung in freier Bestimmung abhalten konnten. In 150 Ausstellungen wurden bis 1989 u.a. Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Schlemmer, Eduard Munch, Pablo Picasso, Vincent van Gogh, Fernand Leger, Marc Chagall, Paul Gauguin, Henry Moore, Henri de Toulouse-Lautrec, Aristide Maillol, Georges Braque, Max Beckmann, Hans Purrmann, Joan Miro, Friedensreich Hundertwasser... Shogunkunstschätze aus Japan gezeigt. Allein die Ägyptenschau im Jahr 1980 führte 652.700 Besucher in das Haus der Kunst.

Aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums 1992 erschienen drei Bücher über die Münchener Secession: "The Munich Secession" von Dr. Maria Makela, Princeton University Press, "Richard Muther, ein provokativer Kunstschriftsteller zur Zeit der Münchener Secession" von Dr. Rotraud Schleinitz, Saarbrücken, Georg Olms-Verlag und"Münchener Secession 1892, Otto Barone Hierl-Deronco ein Mitbegründer", München, Eigenverlag Norbert Hierl-Deronco.

Zum hundertjährigen Jubiläum veranstaltete die Münchener Secession unter der Schirmberrschaft S. K. H. Prinz Franz von Bayern am 2. April 1992 in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste einen Festakt und tags darauf im Festsaal des Künstlerhauses einen Galaabend.



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der Münchener Secession